Tolerierte Ungerechtigkeit 5:
Das Gefühl der Welt

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Carolin Emcke im Gespräch mit Heinz Bude
In seinem jüngsten Buch »Das Gefühl der Welt« stellt der Soziologe Heinz Bude die Frage: »In was für einer Stimmung befinden wir uns heute?« Ohne Zweifel stehen wir am Ende einer Periode von ungefähr dreißig Jahren, in der sich die Welt grundlegend verändert hat. Viele fragen sich ängstlich, wie es weitergeht; manche schauen, was den Kapitalismus oder den Westen angeht, ins Herz der Finsternis und ganz viele sind für sich optimistisch, aber fürs Ganze einigermaßen pessimistisch. Stimmungen sind kein Opium fürs Volk. Sie vermitteln uns viel mehr ein Gefühl der Welt und konfrontieren uns mit der Frage, wie wir weiter leben und die Welt gestalten wollen. Welche Gefühle braucht es für eine offene Gesellschaft und welche bedürfen der Vermittlung, der Balancierung, der Hemmung, wenn die Gesellschaft gerecht und inklusiv sein soll?

Streitraum 2015/16: Tolerierte Ungerechtigkeit?
Wieviel Ungleichheit, wieviel Ungerechtigkeit kann eine Gesellschaft eigentlich aushalten? Gibt es Formen der Chancenlosigkeit, der sozialen Ausgrenzung, der Armut, der mangelnden gesellschaftlichen Teilhabe, die eine Gesellschaft aus den Fugen bringen? Oder haben wir uns schon so daran gewöhnt, dass uns Ungerechtigkeit als – wie Angela Merkel sagen würde – »alternativlos« erscheint? Welche Gewalt und Missachtung, welche Kriege und Vertreibungen nehmen wir hin, welche haben wir schon wieder vergessen, obgleich sie andauern? Wie kommt es, dass die Nöte und Sehnsüchte von nach wie vor benachteiligten Menschen oftmals nur noch als lästig empfunden werden? Wie kommt es, dass Ansprüche und Einsprüche von Frauen oder Muslimen, von älteren oder armen Menschen, von all denen, denen die Teilhabe verweigert oder beschwert wird, nur noch von ihnen selbst vorgebracht werden, aber selten noch jene mobilisieren, die nicht direkt betroffen sind? Ist Müdigkeit der Grund für die Bereitschaft, ökonomische Ungleichkeiten in immer größerem Ausmaß auszuhalten? Oder Angst? Erleben wir gerade einen »Backlash«, der emanzipatorische Bewegungen wieder zurückdrängt? Welche Strategien, welche Visionen braucht das Projekt einer gerechten Gesellschaft? Welche Bedeutung kommt dabei der Bildung zu, welche Rolle spielen Theater, Film, Literatur, um Bilder und Erzählungen von Gleichheit und Gerechtigkeit zu erzeugen?